Ich lehne mich heute mal ein bisschen aus dem Fenster. Denn je länger ich Menschen auf ihrem beruflichen Weg begleite, desto öfter stelle ich mir die Frage: Warum geben wir Arbeitszeugnissen eigentlich noch so viel Gewicht?
Versteh mich nicht falsch. Natürlich gehören Zeugnisse zu einer Bewerbung dazu. Sie zeigen Stationen, Aufgaben und Verantwortungsbereiche. Aber zeigen sie wirklich, wie ein Mensch arbeitet? Wie jemand denkt, mit Herausforderungen umgeht, ein Team unterstützt oder mit Leidenschaft bei der Sache ist?
Eher nicht.
Und genau deshalb sollten wir Arbeitszeugnisse vielleicht etwas kritischer betrachten. Viele Zeugnisse entstehen am Ende eines Arbeitsverhältnisses - in einer Situation, in der beide Seiten möglichst vernünftig auseinandergehen möchten. Formulierungen werden abgestimmt, verändert und nicht selten mehrfach nachgebessert. Teilweise streiten Arbeitnehmer und Arbeitgeber sogar darüber, ob eine Formulierung nun einer Eins, Zwei oder Drei entspricht.
Mal ganz provokant gefragt: Warum eigentlich? Denn gleichzeitig weiß vermutlich jeder Personaler, dass Arbeitszeugnisse heute häufig verhandelt, korrigiert oder sogar vom Arbeitnehmer selbst vorformuliert werden. Am Ende arbeitet gefühlt jeder „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“, ist engagiert, zuverlässig und natürlich absolut teamfähig.
Das klingt gut. Aber wie viel sagt es wirklich aus? Nicht ohne Grund verlieren Arbeitszeugnisse bei der Personalauswahl an Bedeutung. Ihre Aussagekraft ist begrenzt, vor allem dann, wenn wir daraus Persönlichkeit, Motivation oder Entwicklungspotenzial ableiten wollen.
Dazu kommt die berühmte Zeugnissprache. Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, ob irgendeine Formulierung nun positiv gemeint ist oder doch eine versteckte Botschaft enthält? Manchmal beschäftigen wir uns mehr mit der Interpretation einzelner Wörter als mit dem Menschen dahinter.
Dabei möchte ich Arbeitszeugnisse gar nicht komplett abschreiben. Sie haben ihren Wert, nur vielleicht einen anderen, als wir ihnen lange zugeschrieben haben. Beschäftigungsdauer, Tätigkeiten, Verantwortungsbereiche oder die Entwicklung innerhalb eines Unternehmens sind wichtige Informationen. Sie helfen dabei, einen beruflichen Weg nachzuvollziehen.
Schwieriger wird es bei der Bewertung eines Menschen. Denn ein Arbeitszeugnis beschreibt die Vergangenheit. Eine Einstellung entscheidet aber über die Zukunft.
Nur weil jemand in einem Unternehmen hervorragend funktioniert hat, bedeutet das nicht automatisch, dass es im nächsten genauso sein wird. Unternehmen unterscheiden sich. Führung unterscheidet sich. Teams, Werte, Prozesse und Erwartungen unterscheiden sich.
Deshalb interessieren mich in Gesprächen andere Fragen viel mehr: Was motiviert jemanden wirklich? Was macht ihm Spaß? Wie möchte er arbeiten? Welche Werte sind ihm wichtig? Und was braucht er, um sein Potenzial entfalten zu können?
Ich habe Bewerber kennengelernt, deren Unterlagen nahezu perfekt waren. Lückenloser Lebenslauf, hervorragende Zeugnisse, beste Referenzen - und trotzdem waren sie im falschen Job.
Und ich habe Menschen erlebt, deren Unterlagen auf den ersten Blick nicht herausgestochen sind. Kein perfekter Lebenslauf, kein makelloses Zeugnis. Im persönlichen Gespräch wurden genau diese Menschen plötzlich unglaublich interessant. Weil man ihre Motivation gespürt hat. Ihre Persönlichkeit. Ihre Werte. Ihre Entwicklung.
Genau um diese Themen geht es uns übrigens bei job meets life. Natürlich schauen wir uns Lebensläufe und Zeugnisse an. Sie gehören zum Gesamtbild. Aber sie sind eben nur ein Puzzlestück. Wir möchten verstehen, was Menschen wirklich suchen, was sie antreibt und in welchem Umfeld sie langfristig erfolgreich und zufrieden sein können. Gleichzeitig unterstützen wir Unternehmen dabei, nicht nur die passende Qualifikation zu finden, sondern den Menschen, der wirklich zu ihnen passt.
Denn die beste Einstellung entsteht nicht, weil irgendwo „stets zur vollsten Zufriedenheit“ steht. Sie entsteht, wenn Menschen und Unternehmen zusammenpassen. Wenn Werte passen. Wenn Erwartungen passen. Und wenn beide Seiten irgendwann sagen können: „Genau hier gehöre ich hin.“
Mein Fazit? Arbeitszeugnisse sind sinnvoll, aber absolut überschätzt! Und vielleicht sogar redundant, wenn wir versuchen, aus ihnen mehr herauszulesen, als tatsächlich drinsteckt. Sie erzählen einen Teil der Geschichte. Den Menschen dahinter lernen wir aber erst kennen, wenn wir miteinander sprechen.
Und am Ende entscheidet nicht ein Stück Papier darüber, ob jemand erfolgreich wird. Sondern ob der Mensch hinter diesem Papier am richtigen Platz landet.